Kirwa in Lintach - Geschichte und Gegenwart

Seit wann gibt's die Kirwa?

Die Lintacher Kirwa mit Kirwaburschen, sowie Kirwabär und Kirwasau gab es sicherlich schon vor dem Krieg. Gemäß mündlichen Überlieferungen und Aussagen noch lebender Lintacher Bürger wurde bereits in den 1920er Jahren in Lintach der Kirwabär getrieben. Das bisher älteste Foto datiert wahrscheinlich um das Jahr 1930:

Kirwa in Lintach 1930
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Es zeigt die Kirwaburschen samt Kirwabär, dem Jud und auch die Musikanten vor einem bäuerlichen Anwesen in Lintach. Auf einem weiterem alten Foto sieht man die Kirwapaare samt Musikanten aus dem Jahr 1947. Das dritte historische Bild etwa aus dem Jahr um 1952 zeigt die Lintacher Kirwaburschen am Kirwamontag vor dem Wirtshaus Rehaber mit den drei Markenzeichen der Lintacher Kirwa, dem Jud, dem Bär und der Kirwasau (mittlerer Reihe ganz rechts Franz Rehaber).

Kirwa in Lintach
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Kirwa in Lintach
1951 oder 1952 zum Vergrößern (500 KB) auf das Bild klicken

Jud, Kirwabär, und Kirwasau

Vor dem Krieg und noch einige Jahre danach wurde in Lintach am Kirwamontag der Kirwabär durch den Ort getrieben. Mit dabei war als eine der wichtigsten Gestalten der sogenannte „Jud”.
Dieser war ausgestattet mit Mantel, Fliege, Melone, und - wie auf den Bildern gut zu erkennen - er trug eine Sonnenbrille. Sein wichtigstes Utensil war eine lederne Handtasche, die er ständig bei sich trug und gut bewachte. Denn darin war das Geld aufbewart, das an den Kirwatagen (Sonntag beim Tanz und Montag beim Bärtreiben) eingenommen wurde. Es war der „Jud”, der das Geld einkassierte. Laut Aussagen von Zeitzeugen war mit dieser Figur keine antisemitische Haltung verbunden; der Hintergrund war der allgemeine Konsens, dass der Jude fürs Finanzielle zuständig war.
Wie lange der Gestalt des Jud in Lintach gehalten hat ist unklar.

Anfang der 50er Jahre wurde sogar ein Kirwabursch in ein Bärenfell gesteckt und es gab drei Gestalten. Wie oft und wie lange die Drei in Lintach ihr Unwesen treiben ist bisher nicht genau erfasst.

Gesichtert ist, dass Kirwabär und Kirwasau seit dem Jahr 1979 am Kirwamontag durch Lintach ziehen. Es heißt, dass in Lintach der zum Bären gemacht wird, der am Kirwamontag nach einer durchzechten Nacht als letzter im Wirthaus erscheint; die Kirwasau bestimmen die Moidln - nach welchem Kriterien ist wohl geheim.

Der Ablauf der Kirwa früher

Die Lintacher Kirwa mit den Burschen samt Umtrieb fand früher immer zur sogenannten „Allerweltskirwa” am 3.  Sonntag im Oktober statt. Nach mündlichen Berichten wurde jedoch im Oktober kein Kirwabaum aufgestellt.

Am „Allerwelts”Kirwasonntag gab es nach dem Kirchgang einen Tanz der Kirwaburschen mit ihren Moidla auf der Straße vor dem Wirtshaus Rehaber.
Es soll Kirwaburschen gegeben haben, die noch kein Kirwamoidl gefunden haben. Dann haben diese Buam sich ein Mädl geschnappt, das gerade aus der Kirche kam, und schon war das Kirwapaar vereint. Am Abend hat im Saal beim Rehaber ein Kirwatanz stattgefunden, und die Bauern und Geschäftsleute, die in Lintach zu tun hatten, saßen im Gastzimmer. Dabei kam es immer wieder zu einem traditionellen Aussingen der Alten und Jungen. Und der Kirwahut ging rum, damit die Burschen ein paar Mark hatten.

Am Montag war dann das oben beschriebene Bärtreiben, wo auch ein paar Mark für die Kasse der Burschen eingenommen wurden. Die Musikanten damals bekamen als Lohn die Kücheln. Und die waren auch zufrieden damit. Irgendwann gabs bestimmt auch ein paar Mark.

Verpönt war in dieser Zeit, dass ein Kirwamoidl oder ein Kirwabursch nicht aus dem Ort stammte. Zeitgenossen berichten von Lintacher Moidln, die durchgesetzt hatten, dass ihr auswärtiger „Liebster” als Kirwabursch akzeptiert wurde.

Diese besondere Form der Lintacher Kirwa spielte sich bis etwa Mitte der 70er Jahre (ca. 1976) in Lintach ab.

Der 1. Mai wurde in Lintach schon seit jeher aufgrund des Patroziniums (St. Walburga) als „Feiertag” mit Tanz und Maibaum begangen. Am 1. Mai fand beim Rehaber ein Gartenfest statt, und am Tag vorher wurde der Baum aufgestellt - meist an der Hauptstraße beim Rehaber.
Den Baum hatten die Kirwaburschen nachmittags aus dem Wald geholt und das Baumloch mit der Hand ausgegraben. Zum Fest kamen immer viele Wanderer aus Raigering. Eine Woche später war dann Maitanz beim Rehaber.
Es wird erzählt, dass auch während des Krieges in Lintach ein Maibaum mit der Hilfe von französichen Gefangenen aufgestellt wurde.

Ab 1979 verlagerte sich die Kirwa: sie fand dann am 1. Mai beim Gasthaus Lukas statt. Die gesamte Familie Lukas organisierte mit den Kirwaburschen die erste große Zeltkirwa in Lintach auf dem Festplatz hinter dem Gasthaus, wo sie bis zum Jahr 2009 mit kleineren Unterbrechungen stattfand. Die Kirwaburschen kümmerten sich um den Baum, und die Moidln um den Baumschmuck (Kränze und Girlanden); der Baum wurde am Tag vor dem 1. Mai aufgestellt. Somit waren Kirwa, Maibaum und Patrozinium vereint.

Die Kirwa heute

Die Lintacher Kirwaburschen tragen heute schwarze Hose, weißes Hemd und natürlich einen Kirwahuat; die Moidln kommen im Dirndl, die Röcken werden teilweise immer kürzer.

Auf das Baumaustanzen am 1. Mai und auf das Schnoadahipflsinga wird auch in Lintach großen Wert gelegt; dabei werden auch aktuelle Themen und Gepflogenheiten aus Nachbardörfern oder über die Lintacher ausgesungen. Selbstverständlich studieren die Lintacher Paare auch Tänze ein - eine große Herausforderung für die jungen Leute.

Seit 2001 gibt es in Lintach eine Kirwagemeinschaft, die ab 2002 die Kirwa organisiert und durchführt. Der Kirwaverein ist mittlerweile der Verein mit den meisten Mitgliedern im Dorf. Alt und Jung, Einheimische und „Zuagroaste” (Neubürger) pflegen einen guten Zusammenhalt und Gemeinschaft.
Dies stellt sicherlich eine Besonderheit der Lintacher Kirwa dar: die beispiellose und engagierte Zusammenarbeit vor, während und nach der Kirwa: gemeinsam arbeiten und feiern, sich treffen und miteinander ratschen beim Herrichten, Baumaufstellen, Arbeitseinsatz als Ordner, in der Bar, beim Ausschenken etc. Und das alles ehrenamtlich, vom Vorstand bis zum Käse- und Kuchenverkauf.
Daneben organisiert der Verein Veranstaltungen während des Jahres: Nachkirwa, Nachtwanderung, Bockbierfest, Ausflüge, . . ., um das Vereinsleben und die Gemeinschaft zu fördern.

Die Ereignisse auf der Lintacher Kirwa im Jahr 2009 haben den Vorstand veranlasst, in der Folge eine kürzere und ruhigere Kirwa zu veranstalten. Die Zustimmung vieler Gäste aus Lintach und von auswärts und die positiven Rückmeldungen (siehe den Bericht über die Kirwa 2010) haben die Entscheidung, mehr Wert auf Tradition und Brauchtum zu legen, nochmals bestätigt: So wurde es 2010 eine Kirwa zum Treffen, Unterhalten und Tanzen bei oberpfälzer Gemütlichkeit mit bodenständiger Tanzmusik ohne Verstärker. Es gab keinen „Jugendabend” mehr; die Einhaltung der Vorschriften zum Jugendschutz wurde strikt kontrolliert (und war leider auch absolut notwendig). Mit der Überlegung „Weniger ist Mehr” wurde es 2010 eine Kirwa für die Menschen im Dorf nach dem Motto „Mir ham Kirwa!”.

Nächstes Jahr wird im Rahmen der Feierlichkeiten zu „1000 Jahre Lintach” auch eine besondere „1000jährige Kirwa” gefeiert. Und der Baum soll 2011 auf dem neuen Dorfplatz mitten im Ort aufgestellt und ausgetanzt werden.

Eine weitere kleine Besonderheit in Lintach ist wohl auch, dass regelmäßg von den Wolperern am Kreisel ein kleiner Kirwabaum erreichtet wird. Also hat Lintach immer zwei Kirwabaum zum Vorzeigen.